Die Idee zu einem “Pleinair" entstand 1980

1978 war die Darmstädter Sezession zum ersten Mal mit einer Ausstellung in Krakau zu Gast. Es waren politisch und wirtschaftlich schwierige Zeiten. Das Interesse an westlicher Kunst war groß. Es entwickelten sich rasch sehr intensive Freundschaften und der Wunsch nach weiteren Begegnungen und dem Austausch von Kunst und Informationen. 1979 beteiligte die Darmstädter Sezession 13 Krakauer Künstler in einer Sonderschau an ihrer Jahresausstellung. 1980 im Herbst fand in den Foyers des Staatstheaters Darmstadt eine umfassende Ausstellung Krakauer Künstler statt.
Inzwischen herrschte in Polen Kriegsrecht. Die Darmstädter Sezession organisierte Lebensmitteltransporte für die Krakauer Künstlerfreunde, an denen sich viele Darmstädter Bürger sehr aktiv beteiligten und auf diesem Wege viele familiäre Verbindungen knüpften. 
Zehn Künstlerinnen und Künstler waren zum Aufbau der Ausstellung nach Darmstadt gekommen. Die Schwermut und Ungewißheit der Zukunft beim Abschied lastete auf allen. Pit Ludwig, Rundumfreund, Lebenskünstler und damals Präsident der Darmstädter Sezession, erzählte von Frankreich, vom Süden, von Mirabel. Und spontan entwickelte er den Gedanken, im nächsten Jahr ein „Pleinair“, ein Künstlerarbeitstreffen, in Mirabel zu organisieren.
Es kam etwas Hoffnung in die Runde, aber keiner glaubte daran, daß diese Idee zu realisieren und zu finanzieren sei. Zusammen mit der Geschäftsführerin der Sezession, Liane Palesch, konnten die Voraussetzungen geschaffen werden, aber die politische Lage stand dem Vorhaben entgegen.

 Um die Ausreise für 17 Krakauer Freunde zu erreichen, waren viele Wege in Polen und Deutschland notwendig.Trotz aller Widerstände fand 1981 das erste deutsch-polnische Pleinair in Mirabel statt. 
Pit Ludwig ist 1987 gestorben und hat Liane Palesch mit der Fortführung betraut. Im Laufe der Jahre ist das Pleinair international geworden und hat viele freundschaftlich-kollegiale Verbindungen in ganz Europa geschaffen. Träger der Veranstaltung ist heute das Künstlerhaus Ziegelhütte e.V. in Darmstadt. Finanziert werden die Pleinairs durch Zuschüsse der Stadt Darmstadt, des Landes Hessen, durch Spenden von Darmstädter Unternehmen und einem Freundeskreis. Der Arbeitsaufenthalt in Mirabel dauert drei Wochen. In Mirabel werden Häuser angemietet, einfache, originelle Unterkünfte. Gearbeitet wird in den Häusern, in Gewölben und in der Natur. Abends gibt es ein gemeinsames Essen, das von wechselnden Künstler - Küchenmannschaften erdacht, gekocht und serviert wird.
Der Wein wächst vor der Haustür. Es gibt keine Zwänge oder Vorgaben. Hier wird nebeneinander und miteinander gearbeitet, miteinander geredet, werden Erfahrungen ausgetauscht, man hilft sich, man berät sich, man entwickelt Ideen, schließt Freundschaften. Und schön und gut ist, daß der Kontakt weiterwirkt, daß der freundschaftliche Geist mit nach Hause reist und dort neue Verbindungen schafft.
Neben vielem leistet dieses Pleinair auch existentielle Hilfen und Künstlerförderung durch Künstler.

Nach der Rückkehr nach Darmstadt wird im Museum Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe eine Ausstellung gezeigt, die umfassend das vorstellt, was beim Pleinair entstanden ist. Der Darmstädter Oberbürgermeister ist Schirmherr und eröffnet die Ausstellung. Das Pleinair hat einen großen Freundes- und Fördererkreis, und die Ausstellungseröffnung ist ein Treffpunkt für alle Kunstinteressierten. Pleinair Mirabel, ein kühner Gedanke, der so positiv in die Jahre gekommen ist.
2001 ist es das 20. Pleinair, zu dem „die Mannschaft der ersten Stunde“ aus Krakau eingeladen ist, um zusammen mit vertrauten Freunden dieses Jubiläum zu feiern. Vor 20 Jahren gab es noch keinen Blick auf ein gemeinsames Europa, damals hatten wir noch keine gemeinsame Sprache, es wurden abends Lieder gesungen. Heute ist auch hier der Austausch international. Wir alle haben viel dazugelernt.
Damals wie heute stehen wir zu diesem Gedanken, und unsere Herzen sind immer noch übervoll. Helmut Lortz, bis 1986 Professor an der HdK Berlin, hat diese Empfindung schon 1981 zum Signet für das Pleinair Mirabel entwickelt: Ein volles, rotes Herz mit einem Pfeil von Ost nach West und von West nach Ost.